Aargauische Evangelische Frauenhilfe

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Aargauische
Evangelische
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Der Armut im Aargau ein Gesicht geben

Erstes Aargauer Abendforum zu Armut und sozialer Ausgrenzung in Aarau

Unter dem Titel «Armut im Aargau – Bei uns kein Thema?» veranstalteten die Aargauer Landeskirchen gemeinsam mit christlichen Hilfswerken und Frauenbünden anlässlich des europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung  am Freitag, 29. Oktober, das erste Aargauer Abendforum im Bullingerhaus Aarau.

Ein Referat des Basler Soziologen Ueli Mäder zum Thema «Armut in der Schweiz», verschiedene Inputs diakonischer und sozialer Organisationen, sowie eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Staat, Kirche, Politik und Wissenschaft, sorgten dafür, dass den zahlreichen Besuchern deutlich wurde, was mit «Armut im Aargau» gemeint ist. Das Forum bot auch Gelegenheit, sich über verschiedene Projekte zur Armutsbekämpfung näher zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Ende der Veranstaltung wurden für Foto-Projekte von Aargauer Jugendlichen zum Thema «Unsichtbare Armut sichtbar machen» Jurypreise und ein Publikumspreis vergeben.

Armut ist in der Schweiz im Kontext von Reichtum zu betrachten
«Armut ist in der Schweiz durchaus ein Thema», meinte Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel, in seinem einleitenden Referat. Allerdings müsse in der Schweiz die Armut in Zusammenhang mit der hohen Reichtumskonzentration gesehen werden. «Jeder zehnte Millionär auf der Welt hat einen Wohnsitz in der Schweiz», so Mäder. Die Schweiz sei ein sehr reiches Land, aber der Reichtum sei einseitig verteilt. «In der Schweiz verfügen drei Prozent der privaten Steuerpflichtigen über gleichviel steuerbares Nettovermögen wie die übrigen 97 %». Nach Schätzungen von Caritas, mit denen Mäder konform geht, lebt in der Schweiz ungefähr jede zehnte Person in einem Haushalt, der mit einem Erwerbseinkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen muss. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) gibt diese Grenze mit 50 – 60% des Durchschnittslohns von 5‘000 bis 6‘000 Franken an. «Mit den rezessiven Einbrüchen der 70er Jahre hat die Arbeitslosigkeit zugenommen», sagte Mäder. Zwar seien die Löhne im Durchschnitt nominell gestiegen, aber die Ausgaben noch viel mehr. «Mit ihrem verfügbaren Einkommen mussten die auf der Lohnskala untersten 10% der Erwerbstätigen ihren Lebensstandard um 18% zurückbuchstabieren». Armut in der Schweiz könne daher als ein Mangel an sozialer Sicherheit beschrieben werden. Armutsbetroffene seien kaum in der Lage, ihre existenziellen Bedürfnisse so zu befriedigen, wie es die Erwartungen und Werte in der Gesellschaft voraussetzten. «Aber nicht nur der Kontext von Reichtum ist für das Thema Armut wichtig», meinte Mäder. «In der Schweiz leiden 5% der Bevölkerung an Depressionen und je tiefer das Einkommen ist, desto grösser ist die Betroffenheit.» Schlimm findet Mäder, dass die von Armut Betroffenen denken, sie seien selber schuld daran und sich deshalb häufig aus Scham zurückziehen. Die grösser werdende Kluft mache sie zudem anfällig für autoritäre Konzepte. Bei der Armutsbekämpfung in der Schweiz sei es deshalb notwendig, Reiche in den Focus zu stellen und auch die Frage zu integrieren: «Was ist wichtig im Leben?» Es müsse eine Umverteilung stattfinden und eine Anhebung der unteren Löhne. Weiter, so Mäder, müsse das Ausweiten der Ergänzungsleistungen und der sozialen Teilhabe erfolgen. Dies sei durchaus machbar, denn «seit 2004 wird weniger Geld für Soziales ausgegeben, obwohl das Bruttoinlandprodukt stetig gestiegen ist.» Die Kirchen könnten den Kampf gegen die Armut unterstützen, meinte Mäder, «indem sie ihre Autorität und ihre ethischen Argumente in die Waagschale werfen und kollektive Strukturen stärken.»

Initiativen gegen Armut machen Mut
Im Anschluss an das Referat bot ein «Marktplatz» den Besuchern, die Möglichkeit, sich über  verschiedene Projekte zur Armutsbekämpfung zu informieren und Impulse für die eigene Arbeit in den Kirchgemeinden, Organisationen oder Verbänden mitzunehmen. «Cartons du coeur» Aargau, eine Organisation Freiwilliger, die Familien und Einzelpersonen in Notlagen mit Lebensmitteln unterstützt, war hier ebenso mit einem Stand vertreten, wie die Zeittauschbörse Aargau oder «Planet 13», ein Basler Internetcafé für Sozialhilfeempfänger. Im Viertelstundentakt gaben einige der «Standbetreiber» Interessierten nähere Einblicke in ihre Arbeit. So z.B. der Verein Netzwerk Asyl Aargau, der an verschiedenen Standorten «contact»-Treffpunkte für Flüchtlinge und Asylsuchende betreibt und dabei auch Beratung und Deutschunterricht anbietet.

Wird die Kirche zur Reparaturwerkstatt bei Staatsversagen im Sozialwesen?
Einleitend zur Podiumsdiskussion stellte Regula Kuhn, Bereichsleiterin Diakonie und Freiwilligenarbeit der römisch-katholischen Landeskirche und Mitarbeiterin bei Caritas Aargau, die These auf, Armutsbekämpfung brauche mehr als Armutsverwaltung seitens des Staates. Eine nachhaltige berufliche und gesellschaftliche Integration bedinge Sozialinvestitionen. Die anwaltschaftliche Stimme der Kirche ist heute zu leise. Stillschweigend zu reparieren, was der Staat versäume, könne nicht ihre Aufgabe sein. 
Zur Frage der Moderatorin, Bea Stalder, ob die Kirche zur Reparaturwerkstatt bei Staatsversagen im Sozialwesen werde, meinte Johannes Enkelmann, Leiter Sektion Soziale Dienste Aarau: «Ein Konflikt zwischen Staat und Kirche existiert nicht. Staat sind wir alle. Bisher hat der Staat im Sozialwesen nicht per se versagt und bedarf somit keiner Reparaturwerkstätte. Nicht der Staat, sondern die drohende Entsolidarisierung unserer Gesellschaft ist das Problem». Beat Niederberger, Gemeindeleiter Pfarrei Schöftland, wehrte sich gegen den Ausdruck «Reparaturwerkstatt»: «Menschen sind kein Schadensfall, die der Reparatur bedürfen!» Auch versage der Staat nicht im Sozialwesen. «Es ist die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die versagt und Armut und soziale Ausgrenzung schafft. Der Staat muss mit der Kirchen gegen die Wirtschaft paktieren.»
Dagegen wandte sich Thierry Burkhardt, Präsident FDP Aargau, entschieden: «Staat und Gesellschaft gegen die Wirtschaft auszuspielen, ist populistisch!  Ich halte es mit Abraham Lincoln: Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt. Ihr könnt den Menschen nie auf Dauer helfen, wenn ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und könnten.» Der Staat könne nicht alle Aufgaben lösen, das sei eine Illusion. Kirche sei keine Reparaturwerkstatt, aber ein wichtiger Teil im sozialen Zusammenhalt und eine Unterstützung. Regierungsrätin Susanne Hochuli zitierte die politische Theoretikerin Hanna Arendt und sagte: «Der Sinn der Politik ist Freiheit. Der Staat hat nicht die Aufgabe zu reparieren, sondern Strukturen zur Verfügung zu stellen, damit Menschen befähigt werden, sich zu helfen.» Ueli Mäder gab zu bedenken, dass Freiheit sich nur auf sozialer Grundlage realisieren könne.

Armut wird nach wie vor tabuisiert
Um Armut zu bekämpfen, müsse sie fassbar gemacht werden, meinte Kurt Brand, Geschäftsführer Caritas Aargau. Dazu müssten die Professionalität von Sozialhilfe verbessert werden, Lastenausgleiche unter den Gemeinden erreicht werden und regionale Sozialdienste eingeführt werden.  «Um Armut zu enttabuisieren, darf die Wertigkeit eines Menschen nicht an der Erwerbstätigkeit festgemacht werden», meinte Enkelmann. Genauso wie zuvor das Thema Psychiatrie im Aargau, könne auch das Thema Armut enttabuisiert werden, sagte Susanne Hochuli. «Auch hier ist eine zusätzliche Finanzierung für eine sozialpolitische Planung und ein «sounding board» mit Vertretern aus Kirche, karitativen Organisationen denkbar, um miteinander zu diskutieren und Ideen zu finden.» Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau, betonte, dass hierbei aber besonders wichtig sei, auch Armutsbetroffene mit  einzubeziehen.

Jugendliche aus Schöftland gewinnen Fotowettbewerb
Zum Abschluss des ersten Abendforums zu Armut und sozialer Ausgrenzung gab Barbara Cavelti, Kirchenratspräsidentin der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau, die Gewinner des Jugendfotowettbewerbs zum Thema «Unsichtbare Armut sichtbar machen» bekannt. Vierzehn Gruppen aus sieben Pfarreien hatten sich daran beteiligt. «Die Fotos der Aargauer Jugendlichen zeigen, dass für junge Leute Armut und Ausgrenzung Realität sind», meinte Cavelti. Der mit 100 Franken dotierte Publikumspreis ging an die Firmlinge aus Turgi. Ihr Foto zeigt einen menschenleeren Weg an einem etwas heruntergekommenen Hauseingang. Den zweiten Preis der Jury erhielten ebenfalls Firmlinge aus Turgi. Auf ihrem Foto ist ein junger Mann zu sehen, der in einen leeren Briefkasten schaut. Ein gelungener Beitrag, um auf den Armutsaspekt der Isolation aufmerksam zu machen, fand die Jury und Barbara Cavelti überreichte den Jugendlichen ein Preisgeld in Höhe von 200 Franken.
300 Franken und damit den ersten Preis bekam eine Jugendgruppe aus Schöftland. Ihr Foto zeigt eine junge Frau, die sich, ein Kruzifix vor Augen, einen Strick um den Hals gelegt hat. Doch die Schlinge ist noch nicht zugezogen. Noch hat die Verzweiflung nicht gesiegt. «Dieses Bild symbolisiert den Hilfeschrei der Armut an uns alle», meinte Barbara Cavelti, begleitet vom Applaus für die Jugendlichen aus Schöftland.

Elisabeth Martinek


3 Fotos


Aufgeschaltet am 29. Oktober 2010
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