Aargauische Evangelische Frauenhilfe

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Aargauische
Evangelische
Frauenhilfe

Jahresversammlung 2010

Schwerpunkt
Politische Leistungen der ersten Präsidentinnen für den Schutz von Frauen und Kindern

Aargauische Evangelische Frauenhilfe feiert 100. Jahresversammlung
Die Aargauische Evangelische Frauenhilfe (AEF) beging am 26. Mai im reformierten Kirchgemeindehaus Lenzburg ihre 100. Jahresversammlung und lud anschliessend unter dem Motto «AEF... da bewegt sich was!» zur Jubiläumsfeier ein. Nach der Ehrung langjähriger Ortsvertreterinnen und Grussworten prominenter Frauen würdigte die Historikerin Verena E. Müller die politischen Leistungen der ersten AEF-Präsidentinnen Emma Schmuziger (1866–1954) und Nina Leupold (1895–1983).

Der Saal war festlich in gelb und hellem Purpur, den Farben der AEF, geschmückt. Präsidentin Liselotte Fueter begrüsste rund 60 Teilnehmerinnen zur 100. Jahresversammlung und forderte sie zu einer für solche Veranstaltungen eher ungewöhnlichen Tätigkeit auf: Sie sollten stricken. So hatten es die Frauen früher in der Gründungszeit der Frauenhilfe getan, bis Emma Schmuziger Präsidentin wurde. Sie liebte es gar nicht, wenn während der Verhandlungen «allzu vernehmbar» gestrickt wurde, weil klirrende Nadeln die Konzentration störten. Zum 100. Jubiläum nun wollte die AEF das verpönte Stricken mit der Politik verbinden: Am Ende des Jubiläumsjahres sollen die bei der Jubiläumsversammlung gestrickten Teile zu einer Decke zusammengefügt und mit schriftlich formulierten frauenspezifischen Anliegen einer aargauischen Politikerin als «warme Empfehlung» überreicht werden.

Zusätzlicher Raumbedarf im «Obstgarten»
Der geschäftliche Teil der Jahresversammlung ging zügig vonstatten: Ohne Diskussion genehmigten die Teilnehmerinnen den Jahresbericht und die Jahresrechnung 2009. Bei den Berichten aus den Ressorts gab jedoch die Situation des Wohnheims «Obstgarten» in Rombach zu denken. Das Wohnheim, das der AEF gehört und schon seit einigen Jahren an die Heilsarmee vermietet ist, benötigt mehr Heim- und Arbeitsplätze für die Bewohner. Der Raumbedarf übersteigt jedoch die nach Bauordnung zugelassene Nutzung des Grundstücks. Da die AEF daran interessiert ist, die Heilsarmee als Mieterin im Obstgarten zu behalten, hat der Vorstand bei der Gemeinde Küttigen im Zusammenhang mit der Revision des Zonenplans Gesuche für eine Umzonung der Liegenschaft Obstgarten bzw. für die Einzonung der angrenzenden Landwirtschaftszone gestellt. Beide Gesuche sind derzeit noch hängig.

Ehrung langjähriger Ortsvertreterinnen und Wahl neuer Vorstandsmitglieder
Nicht nur die 100. Jahresversammlung gab Anlass zum Jubilieren, auch die teilweise jahrzehntelange Tätigkeit einiger Frauen als Ortsvertreterinnen. So würdigte Vorstandsfrau Ruth Moser (Ressort Ortsvertreterinnen) die Mitarbeit von Helene Büchli, Staufen (47 Jahre), Rosa Märki, Rüfenach (44 Jahre) Margrit Bopp, Seengen (35 Jahre), Pia Baumann, Rupperswil, (10 Jahre) sowie von Adelheid Huber, Veltheim und Katharina di Blasio, Othmarsingen (jeweils 5 Jahre).

Nachdem sie schon seit einem Jahr im Vorstand probehalber mitgearbeitet hatten, wurden Therese Hochstrasser, Seon (Ressort Vernetzung) und Elisabeth Martinek, Schafisheim (Ressort Öffentlichkeitsarbeit) offiziell in den Vorstand gewählt.

Beratungsstelle legt Wert auf Vernetzung
Mit interessanten Kurzreferaten gaben Mireille Kaufmann und Doris Lüthi (Frauenberatung) sowie Brigitte Ludwig (Budgetberatung) und Stephanie Aerni (Rechtsberatung) einen Einblick in ihre Arbeit bei der Beratungsstelle. «Im vergangenen Jahr war unsere jüngste Klientin eine 20-jährige, türkischstämmige Lehrtochter, unsere älteste eine 68-jährige pensionierte Schweizerin», erklärte Doris Lüthi. Den Hauptanteil der Klientinnen bilden 30 bis 50-jährige Frauen. Sie kommen zur Beratung, weil sie Eheprobleme, Schwierigkeiten mit ihrer Wohnsituation oder mit ihrem Arbeitsplatz haben und oft auch, weil sie mit Amtsstellen oder ihren finanziellen Mitteln nicht zurecht kommen. Nach einem ersten Gespräch wird abgeklärt, wie ihre Anliegen mit internen und externen Dienstleistungen vernetzt werden können. Die enge Zusammenarbeit der Beraterinnen untereinander gewährleistet eine zielgerichtete, rasche Hilfe.

Sekretärin der Geschäftsstelle verabschiedet
Vorstandsfrau Rosmarie Weber (Ressort Beratungsstelle) verabschiedete Irene Herzig, die sich Ende Juni nach 12 Jahren als Sekretärin der AEF-Geschäftsstelle einer neuen Aufgabe zuwendet und wünschte ihr für die Zukunft alles Gute.

Leistungen der ersten Präsidentinnen
Im Anschluss an die 100. Jahresversammlung stand Feiern auf dem Programm. Am reichhaltigen Büffet des Effingerhortes konnte frau sich stärken, bis zum «Festakt» gebeten wurde. Eingeleitet und immer wieder aufgelockert wurde dieser durch schwungvolle Lieder des Rupperswiler Kammerchors «open heart» unter der Leitung von Doris Stahel.

Dass sich bei der AEF schon immer viel bewegt hat, machte die Historikerin Verena E. Müller, Zürich, deutlich. Sie zeigte anhand der früheren AEF-Präsidentinnen Emma Schmuziger und Nina Leupold auf, wie viel Energie und Weitblick damals nötig waren, um Rechte von Frauen, die heute selbstverständlich sind, in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen.

Emma Schmuziger, unter deren Präsidentschaft 1909 die Liegenschaft Obstgarten in Rombach erworben wurde, um ein Kinderheim mit Schule für Mädchen aus sozial schwierigen Verhältnissen einzurichten, beteiligte sich aktiv an der Gesetzgebung für Frauen- und Kinderschutz. Für den «charismatischen Unternehmertyp mit eherner Verwurzelung in der Religion» stand dabei die «Hebung der Sittlichkeit» im Vordergrund. Die Aktivitäten der Frauenhilfe galten damals v.a. dem Kampf gegen Prostitution und Mädchenhandel und dem Einsatz für eine bessere Behandlung unehelicher Kinder und ihrer Mütter. Während die begnadete Vortragsrednerin Schmuziger hauptsächlich als Netzwerkerin tätig war, der es nicht nur gelang für die Anliegen der Frauenhilfe Geldgeberinnen, sondern auch aktive Mitarbeiterinnen zu gewinnen, setzte sich ihre Nachfolgerin Nina Leupold v.a. für die Erreichung eines Zieles ein: den liberalen, fortschrittlichen Strafvollzug. Frauengefängnisse waren bis dahin meist nur Anhängsel der Männeranstalten gewesen. Die strafgefangenen Frauen verrichteten hier für die Männer «Hausfrauenarbeiten» wie Putzen, Kochen oder Sockenstopfen. Die Frauenhilfe forderte jedoch, die strafgefangenen Frauen besser auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten und sie deshalb in einem separaten Frauengefängnis unterzubringen. Viele männliche Gefängnisverantwortliche sträubten sich dagegen. Doch Nina Leupold, die sich in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ein fundiertes juristisches Fachwissen angeeignet hatte, scheute sich nicht, es mit konservativen Gegnern aufzunehmen. Vehement setzte sie sich für interessantere Beschäftigungen, Weiterbildung, sinnvolle Freizeitgestaltung, körperliche Betätigung, wohnliche Unterkunft und Hygiene im Frauenstrafvollzug ein. Die Neugestaltung der Strafanstalt Hindelbank und die Schaffung der Mütterabteilung sind zum grossen Teil ihr Verdienst.

«AEF... da bewegt sich was!» – auch für die nächsten 100 Jahre
Dass Einrichtungen wie die AEF mit ihrer Beratungsstelle auch heute noch wichtig sind, betonten Nationalrätin Doris Stump, Grossrätin Kathrin Nadler, Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen und Eva-Maria Fontana, Co-Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz (EFS) in ihren Grussworten. Sie wünschten der Jubilarin weitere 100 Jahre, in denen sich in Bezug auf Frauenanliegen «etwas bewegt».

Elisabeth Martinek


Aufgeschaltet am 27. Mai 2010
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